Was geschah vor 50 Jahren in Troisdorf?
1955

Geschrieben von Peter Haas (ab 2005: Aus dem Pressespiegel der Stadt Troisdorf)

In Troisdorf war seit Kriegsende die Wohnungsnot das wichtigste politische Problem. Anfang 1955 gesellt sich dazu ein völlig neues Thema: der zunehmende Verkehr. Es gibt nicht nur ständig mehr Autos, auch der Autoverkehr vom Flughafen Wahn in die provisorische Bundeshauptstadt, der mitten durch Troisdorf und über Menden nach Bonn führt, nimmt ständig zu und belastet die Menschen an der B8. So fordert man erstmals als wichtigste Maßnahme die Einstellung der Straßenbahn Siegburg – Zündorf, die mitten durch Troisdorf über die B8 fährt und eine ständige Gefahr für den übrigen Verkehr bedeutet. Fast zehn Jahre vergehen, bis dieser Plan ausgeführt wird.

Der Leiter der katholischen Volksschule Blücherstraße, Rektor Peter Josef Thommes, feiert unter großer Beachtung durch die Öffentlichkeit sein 40-jähriges Dienstjubiläum. Sein erstes Lehrerjahr erlebte er 1914 im Kreis Oberberg mit einer Klasse von 104 Kindern. Später fand er seine Lebensmitte in den Gemeinden Sieglar und Troisdorf. Nach den Dienstorten Oberlar und Spich kam er 1941 an die Blücherstraße als Schulleiter. Da er nebenamtlich Schiedsmann und Mitglied des Schul- und Kulturausschusses ist, gehört er zu den bekanntesten Persönlichkeiten der jungen Stadt Troisdorf.

Gleichfalls 40-jähriges Dienstjubiläum feiert der Bundesbahn-Amtmann Franz Caspers. Ursprünglich hatte er Schauspieler werden wollen und drei Jahre lang insbesondere seine wohlklingende Stimme geschult. Dann blieb er aber doch bei der Bundesbahn. Er wurde der „Buba-Ansager Nr.1“ wie die „Neue Rheinzeitung“ am 10. Januar 1955 schreibt. „Wer den vitalen Mittfünfziger nicht persönlich kennt, der kennt zumindest seine Stimme, jenen vollen Klang seines wohltönenden Organs, dessen Timbre einen hellen Dreiklang von Heiterkeit des Herzens, allzeit guter Laune und rheinischen Frohsinn ausstrahlt“, schreibt gleichfalls die NRZ, die damit seine berufliche Tätigkeit im „Klingenden Rheinländer“ beschrieb. Für Troisdorf ist Franz Caspers seit vielen Jahren der beliebteste Sitzungspräsident im Karneval und Conferencier der legendären Frühschoppen am Kirmesmontag.

In der Siebengebirgsallee beginnen Anfang Februar die Bauarbeiten am Tierheim.

Am 24. Februar schreibt die NRZ: „Unter der Anleitung von Stadtdirektor Dr. Kaesbach gingen in Troisdorf einige städtische Arbeiter einer ungewohnten Arbeit nach. Mit Brettern, Seilen, Hämmern und Äxten befreiten sie einen der Schwäne, der auf dem Weiher an Burg Wissem eingefroren war. Das Tier wurde aus seiner unerfreulichen Lage befreit und wohlbehalten im Stadtpark ausgesetzt, wo es sich bald von den winterlichen Strapazen erholte.“

Anfang April legt Bürgermeister Wilhelm Stricker zwischen Römer- und Heimbachstraße den Grundstein für das neue Schulgebäude der Realschule, die noch schön, aber eng in der Mannstaedt-Villa in der Parkstraße untergebracht ist.

Auf der turnusmäßigen Betriebsdelegiertenversammlung im April teilt die Dynamit AG mit, dass sich die Anzahl der Mitarbeiter in einem Jahr um 838 auf insgesamt 6576 erhöht hat.

Ich habe die Ehre, zusammen mit Alwin Herrmann, der in diesen Tagen 88 Jahre alt wird, Hans Distelrath und Helmut Stricker die Leichtathletikabteilung des SSV Troisdorf 05 zu gründen, der gerade 50-jähriges Jubiläum feiert und eine Blütezeit erlebt. Aus dieser Abteilung geht gut 10 Jahre später die Troisdorfer Leichtathletik-Gemeinschaft (TLG) hervor, einer der erfolgreichsten Troisdorfer Sportvereine.

Im September 1955 findet ein Bewohner der Bismarckstraße in Troisdorf bei der Gartenarbeit seinen Ehering wieder, den er 25 Jahre zuvor bei der gleichen Arbeit verloren hat.

Bis 15. September werden die letzten von den Engländern nach dem Krieg besetzten Häuser im Bereich Römerstraße/Schlossstraße wieder an ihre deutschen Besitzer zurückgegeben. Einziges von den Engländern besetztes Haus bleibt das Eckhaus Schlossstraße/Friedrich-Ebert-Straße (heute Hospitalstraße), in dem sich der NAAFI-Shop befindet.

Bundeskanzler Adenauer fährt am 8. September in seinem Dienstwagen von Rhöndorf durch Troisdorf nach Wahn, um von dort nach Moskau zu fliegen. Tausende säumen die Fahrstrecke, da sie um die Bedeutung der Reise wissen.

An der Kreuzung der Kölner Straße mit der Hippolytusstraße und der Kölner Straße mit der Wilhelmstraße werden erstmal probeweise Ampeln zur Regelung des Verkehrs installiert. Auf der Kölner Straße wird von der DAG bis zur Siebengebirgsallee ein Überholverbot eingeführt.

Am 14. September kehrt Adenauer von seinem erfolgreichen Staatsbesuch aus Moskau zurück. Wieder fährt er über die B8 mitten durch Troisdorf in einem Konvoi von 30 Wagen. Erneut säumen Tausende die Straßen.

Anlässlich der Einweihung des Sportplatzes am Kaninsberg in Oberlar kommt es Ende September zu einem Fußballspiel des Troisdorfer Stadtrats gegen den Sieglarer Gemeinderat. Die Troisdorfer siegen 1:0.

Generaldirektor Dr. Gajewski von der DAG teilt mit, dass im Verlauf des Jahres 1955 die Anzahl der Beschäftigten des Werks von 6283 am 1. Januar auf 7236 am Jahresende stieg. Anlässlich seines 70. Geburtstages wird eine Dr.-Fritz-Gajewski-Stiftung zur Förderung des begabten Nachwuchses der DAG eingerichtet. Gleichzeitig wird Gajewski Ehrendoktor der Universität Bonn.

Am 4. Oktober schreibt der „Anzeiger für Sieg und Rhein“ (Troisdorfer Zeitung von August Möller):

„Nun auch Zahlenlotto in Troisdorf

Das Nordwestlotto hat jetzt auch eine Annahmestelle in Troisdorf. Es handelt sich um das allerorts viel umstrittene Zahlenlotto, das mit seinen großen Gewinnchancen sich immer größerer Beliebtheit erfreut. Der erste Spieltag ist bereits am 1. Oktober. Lottoscheine sind in der Annahmestelle Zigarrenhaus Becker zu haben.“

Am 10. Oktober treffen mit Hermann Lichtenberg und Fritz Berningshaus die beiden ersten Spätestheimkehrer aus sowjetischer Gefangenschaft in Troisdorf ein. Man hat sie in PKWs in Friedland abgeholt. Bürgermeister Stricker und Stadtdirektor Dr. Kaesbach überbringen die Grüße der Stadt. Beide waren im Lager Swerdlowsk. Als dritter Heimkehrer trifft Willi Over wenige Tage später bei seinen Angehörigen ein. Zum ersten Mal sehen sich der Vater und seine zwölfjährige Tochter.

Wegen Reparaturarbeiten ist die Aggerbrücke zwischen Siegburg und Troisdorf wochenlang gesperrt. Die Straßenbahn praktiziert einen Umsteigeverkehr. Autofahrer müssen große Umwege fahren. Seit dem 9. Oktober ist die Brücke wieder befahrbar.

Am 16. Dezember 1955 schreibt die „Rundschau“:

„Willy Rosenbaum kehrte heim

Der Vater, Verwandte und die früheren Arbeitskameraden bereiteten ihm einen schönen Empfang. Zum ersten Mal seit 1938 sah Willy Rosenbaum bei der Ankunft vor seinem Hause seinen ehemaligen Chef wieder, den Prokuristen Leo Müller von der DAG. Es hat wohl selten eine so herzliche Begrüßung zwischen Chef und Mitarbeiter gegeben wie in diesem Augenblick. Die Mitglieder des Werkchors versammelten sich unter Dirigent Marx und brachten ihm als ersten Heimatgruß ihre Lieder. In strömendem Regen standen Freunde und Nachbarn um das festlich geschmückte Haus, in das ihn Schwester und Onkel, die ihn von Friedland geholt hatten, zum Vater führten.

Wir trafen den jetzt 31-jährigen Heimkehrer zwischen Vater und seiner Braut sitzend und hörten von ihm, warum er so lange auf seinen Abtransport warten musste. Genau wie seine Kameraden hatte er in den Weiten Russlands Jahre als Verurteilter verbracht, war dann voll Hoffnung von Swerdlowsk am 10. Oktober weggefahren. … In der Nacht vom 14. auf den 15. Oktober wurde er in der Nähe von Moskau ausgeladen mit der Begründung, die Bundesrepublik sei ihren Pflichten gegenüber der Sowjetunion nicht nachgekommen. Im Internierungslager habe es dann noch anderthalb Monate gedauert, bis er gerade noch rechtzeitig vor Weihnachten in Marsch gesetzt wurde. Willy Rosenbaum freut sich, dass er nach einer gewissen Erholungszeit wieder in seine alte Stelle bei der DAG eintreten kann. … Damit ist nun auch der letzte der in Troisdorf beheimateten Kriegsgefangenen heimgekehrt, die mit ihren Angehörigen in brieflicher Verbindung gestanden haben.“

Dr. Wilhelm Neußer stellt seine Doktorarbeit über „Troisdorfer Flurnamen“ einer größeren Öffentlichkeit vor.

›› 1956