John Siberch von Lair (1476 – 1554)

geschrieben von Peter Haas

„Die Gedächtnisse der Menschen vergehn, die geschryven boichstaben, die aver blyven“ (aus einem Sieglarer Protokoll vom 1. Mai 1488)

Druckerzeichen von John Siberch

Hätte John Siberch Wert darauf gelegt, nicht vergessen zu werden, hätte er sein Leben niedergeschrieben. Da er das nicht getan hat, wüssten wir nichts von ihm, wenn sich nicht vor 40 Jahren Otto Treptow, damals Leiter der Realschule Siegburg, seiner angenommen und sein Leben nachgezeichnet hätte. Seine Erkenntnisse wurden 1964 aus Anlass der „900-Jahrfeier der Abtei Siegburg“, Respublica Verlag Siegburg, veröffentlicht. Was alles ich über Johann mitzuteilen habe, ist dem vortrefflichen, mit ungewöhnlicher Sorgfalt recherchierten Aufsatz von Otto Treptow entnommen. Denn merkwürdigerweise hat sich bisher kein Troisdorfer Heimatforscher John Siberchs angenommen, wenn man von der relativ knappen Erwähnung seines Lebenswerks in Albert Schultes wegen seines Humors und seines Kenntnisreichtums viel gelobter Rede „Wie sich die Sieglarer des Lesens und Schreibens kundig machten“ absieht (abgedruckt im Troisdorfer Jahresheft von 1989).

Seine Eltern hießen Peter und Lene, auch Leyngen genannt, wohnten in Sieglar und nannten ihren Sprössling Johann, als er 1476 in Sieglar geboren wurde. In Johanns Geburtsjahr wurde das erste Buch in England gedruckt. Etwa 25 Jahre zuvor hatte Gutenberg den Buchdruck erfunden. Sieben Jahre vor ihm erblickte der Humanist Erasmus von Rotterdam das Licht der Welt, der „geistige Herrscher Europas“, wie man ihn später nannte. Wenn ich daran erinnere, dass sieben Jahre nach Johann von Lair Martin Luther geboren wurde und weitere neun Jahre später Columbus Amerika entdeckte, dürfte jedem bewusst sein, in welch umwälzender Zeit unser Sieglarer Bürger Johann geboren wurde.

Als Johann neun Jahre alt war, zogen seine Eltern mit ihm von Sieglar nach Siegburg. Nur zu gerne wüsste man, weshalb sie das taten. Doch sagen uns darüber die Quellen nichts. Es ist reine Spekulation, immerhin aber eine einleuchtende Erklärung, dass die Eltern in Siegburg vielleicht eine Erbschaft antraten. Denn 1487 taucht Peter von Lair in der Siegburger Steuerliste („Geschossliste“) auf. Er ist Wollwebermeister, und die Wollweber waren neben den Töpfern die angesehensten Handwerker der Stadt. Dass sie über Vermögen verfügten, kann man schon daraus ersehen, dass sie ihren Sohn in die Lateinschule und, als er 16 Jahre alt wurde, zur Universität Köln schicken konnten. Er schrieb sich bei der philosophischen Fachschaft („Artistenfakultät“) ein, um Theologie zu studieren. Bei der Immatrikulation nannte er sich Johann de Syberch.

Der Name gibt mir Gelegenheit, einen kurzen Ausflug in die Geschichte der Familiennamen zu machen. Wir wüssten nicht, dass Johann in Sieglar geboren wurde, wenn es nicht die Regel gewesen wäre, dass sich Personen, die den Wohnsitz wechselten, nach ihrer Herkunft benannten. Peter und Lene nannten sich infolgedessen, als sie von Sieglar nach Siegburg zogen, „von Lair“. Dass damit Sieglar gemeint war, lässt sich ganz einfach damit erklären, dass heute noch die Einheimischen „Sieglar“ „Lo(o)r“ nennen. Peter und Lene zogen innerhalb Siegburgs viermal um, und jedes Mal änderte sich ihr Name. Aus „von Lair“ wurde „zum Steinweg“ nach dem Namen des Hauses am oberen Markt, wo sich heute die Löwenapotheke befindet. Danach hießen sie „zum Winter“, weil so ihr neues Haus hieß (das gleichfalls heute noch unterhalb von St. Servatius steht), und danach „zum roiden Haus“, weil sie in ein Haus dieses Namens gezogen waren; und als sie ein viertes Mal umzogen, hießen sie nach dem neuen Haus „zur Gronecken“. Es dauerte noch viele Jahre, bis sich die Familiennamen so gefestigt hatten, dass sie auch bei einem Umzug beibehalten wurden. Wenn Johann sich nun an der Universität Köln einschrieb, so benannte er sich nach dem Ort, von dem er kam, Siegburg bzw. „Syberch“. Wie hartnäckig sich alte Namen halten können, mag man daraus ersehen, dass heutige Mundartsprecher nahezu unverändert „Sieburch“ sagen. (Um einem möglichen Irrtum vorzubeugen, sei ergänzend hinzugefügt, dass Familiennamen nicht nur von der Herkunft abgeleitet wurden, sondern auch von Berufen (Müller usw.), dem Vornamen des Vaters (Peters, Hansen usw.) oder von einer Eigenschaft (Klein, Dick usw.). Mit anderen Worten: Die vielen tausend deutschen Familiennamen lassen sich nur vier Gruppen zuordnen: Herkunft, Vorname, Eigenschaft (=Übername) und Beruf. So einfach ist das Chaos manchmal zu ordnen.)

Johann beendete sein Studium offensichtlich mit den niederen Weihen als „Minorist“, denn nur diese durften heiraten. Und das tat er. Vermutlich 1512 heiratete er die Tochter der Druckerfamilie Amersfoort. Damit eröffneten sich Johann offensichtlich Beziehungen zum aufstrebenden Zweig der Buchdrucker, der damals gewiss in einem ähnlichen Licht zu sehen war wie heute die „New Economy“. Johann wurde Vertreter von Buchdruckern aus Köln und Antwerpen. Als solcher wird er auch, unter dem Namen Johannes Bibliopola (=der Buchhändler), nach Cambridge gekommen sein. Und das könnte sich so ereignet haben: Ostern 1518, ein halbes Jahr nach Veröffentlichung von Luthers Thesen in Wittenberg, trifft Johann den auf dem Höhepunkt seines Schaffens befindlichen Erasmus in Löwen. Erasmus war gerade von der Universität Cambridge zur Universität Löwen gewechselt. Was immer dort besprochen wurde, kurz danach findet sich Johann in Cambridge ein, wo gerade Richard Croke den Lehrstuhl von Erasmus eingenommen hatte. Croke plante die Herausgabe eines griechischen Lehrbuchs, doch gab es in ganz England keinen Drucker, der griechische Lettern hatte. Deshalb beauftragte er Johann damit, das griechische Lehrbuch auf dem Kontinent zu besorgen. Der Gedanke scheint nicht abwegig zu sein, dass Johanns Bekanntschaft mit Erasmus diesem Auftrag förderlich war. Johann besorgte den Druck des Buches, in dem er als Herausgeber genannt wurde, bei Cervicornus in Köln. Damit fasste Johann in England Fuß und ließ sich 1519/20 in Cambridge nieder. 1521 erhielt er einen ersten Druckauftrag, „Oratio“, die Rede, die Dr. Henry Bullock anlässlich der Visite des Kardinals Thomas Wolsey in Cambridge hielt. Bei der Gelegenheit kam es zu einer Weltpremiere: Erstmalig gab es in einem Buchdruck ein Impressum: „Impressa per me Ioannem Siberch.“ Der Erfinder des Impressums ist also ein gebürtiger Sieglarer.

Insgesamt 11 Druckwerke sind von Johann bekannt, darunter eine lateinische Grammatik, die die meistbenutzte Grammatik auf der Insel und in Nordeuropa wurde, und die berühmte Schrift des Arztes Galen über die vier Temperamente, mit der Galen seit der Antike bis in die Neuzeit d i e medizinische Autorität Europas wurde.

Bereits im Jahre 1523 stellte Johann Siberch die Arbeit ein. Otto Treptow führt zwei Gründe an, die für dieses plötzliche Ende verantwortlich gewesen sein könnten. Seine Frau, mit der er zwei Töchter hatte, starb um diese Zeit. Ausschlaggebender war aber vermutlich, dass Johann, der gleichzeitig Buchdrucker, Buchbinder und Buchhändler war, sich finanziell überhob. Nicht anders als in der heutigen Zeit der Computerindustrie, in der es zahllose Firmengründer, aber nur einen Gates gibt, fühlten sich viele berufen, aber es waren nur wenige auserwählt. So kennen wir neben Johann zwei weitere „bibliopoles“ (Buchhändler) alleine in Cambridge, das damals zwar schon eine bekannte Universität, aber nach heutigen Maßstäben doch nur ein Dorf war. Mit anderen Worten: Johann wurde insolvent, und der Tod seiner Frau gab den Ausschlag, dass er seine Betätigung in England einstellte und, mit Schulden beschwert, auf den Kontinent zurückkehrte.

Vermutlich ließ er sich vorübergehend in Antwerpen nieder. Denn dort wohnte Franz Birckmann, Ehemann der Schwester seiner verstorbenen Frau, mithin sein Schwager. Von ihm wissen wir, dass er 1526 in Paris ein Buch mit dem Plattenstempel aus Johanns Werkstatt druckte. Nachdem er im selben Jahr weiteres Druckergerät an andere Drucker in Antwerpen verkauft hatte, scheint er nach Köln gezogen zu sein. Dort war eine seiner Töchter mit dem Kölner Bürger Johann Kessel verheiratet, während die andere einen Engländer geheiratet hatte.

1533 starb sein Vater, und dann erfahren wir erst 1538 über ihn, dass er zum Priester geweiht wurde. Er scheint also einige Jahre nach dem Tod seiner Frau das Studium der Theologie wieder aufgenommen zu haben. 1541 wurde in Siegburg an St. Servatius die Stelle eines Frühmessherrn ausgeschrieben. Johann erhielt diese Stelle, die eine zuverlässige Einnahmequelle war, da nicht wenige Gedenk- und andere Messen am frühen Morgen ein regelmäßiges Einkommen bedeuteten. Bei dieser Gelegenheit wird er 1543 mit dem Namen „Venter“ erwähnt. Die (lateinische) Bezeichnung „venter“ kennt man von der lateinischen Redensart „plenus venter non studet libenter“ („ein voller Bauch studiert nicht gern“). In Johanns Fall darf man vermuten, dass er sich ein Bäuchlein angegessen hatte und deshalb diesen nicht gerade feinfühligen Beinamen erhielt.

Das Glück blieb ihm leider nicht hold. 1549 stürzte er so unglücklich, dass er einige Monate nicht seinen Gottesdienst versehen konnte. Und das bedeutete damals, in Armut zu leben. Nicht einmal sein Kölner Schwiegersohn Georg Kessel unterstützte ihn, wie wir dem zufällig erhaltenen Briefwechsel entnehmen können. 1550 ist er so weit gesundet, dass er wieder die Frühmesse lesen kann.

Johann Siberch von Lair, der Erfinder des Impressums und erste Drucker der Cambridge University Press, einer der weltweit renommiertesten Adressen des Buchdrucks bis auf den heutigen Tag, stirbt in Siegburg im Jahre 1554 im Alter von 78 Jahren.