Die Geschichte des Johann Albert Sawinsky

Autor: Lebensgefährte einer Nichte des A. Sawinsky

Johann Albert Sawinsky wurde am 28. Dezember 1884 in Menden im Siegkreis geboren. Er war von der Kaiserzeit über die Weltwirtschaftskrise hinaus bis zur Machtübernahme durch die NSDAP ein weltweit erfolgreicher Unternehmer. Er war das dritte von fünf Kindern. Seine Geschwister hießen Wilhelm, Karl, Adolf und Helene. Sein 1889 geborener Bruder Adolf Sawinsky lebte schon seit 1909 als dortiger Volksschullehrer in Ittenbach. Die beiden Brüder waren eng mit der Familie Thomas im Löwenburger Hof befreundet.

Die Eltern Karl und Helene Sawinsky, geborene Hühnerfeld, waren von Siegburg nach Troisdorf übergesiedelt. Der Vater, ein Lokomotivführer in Leitungsposition bei der Reichsbahn, wird von Maschinenbau und Verfahrenstechnik viel Kenntnis gehabt haben. Troisdorf war ein sehr wichtiger Eisenbahnstandort. Vielleicht ist so dem Sohn Albert das Interesse und Können in die Wiege gelegt worden.

Ab 1891 besucht Albert Sawinsky in Troisdorf die Elementarschule. Schwerpunkte der Schule sind Naturwissenschaft und Technik. Er ist ein sehr guter Schüler und wird „Repräsentant der Klasse“. In St. Hippolitus ist er Ministrant. Den Lehrer Jakob Harzheimverehrt er sehr. Dieser gab ihm einen Denkspruch auf den Lebensweg:

„Was der Mensch will, das erreicht er.“

Seine Lehrjahre von 1899 bis 1903 nutzt er gründlich in der Metall- und Maschinenfabrik Gebr. Krämer. Und 1903 beginnt er schon ein Sprachstudium in Englisch und Französisch! Gehörte das zu seinem großen Plan? Denn ein Großonkel Sawinsky aus Nordhausen bei Glogau / Schlesien war schon mit seiner Familie nach Amerika ausgewandert. Diese Familie besucht Albert später während seiner Ausstellungsreise in den USA. Und Albert, dieser Tausendsassa stellt schon 1902 in Düsseldorf und 1903 in Dresden seine Waren aus. Er tritt also ganz jung als Unternehmer und Eigentümer einer Vexier- und Spielwarenfabrik in Troisdorf auf. Eine schwarze Marmorplatte mit Goldlettern TROISDORFER VEXIER- UND SPIELWARENFABRIK zeugt noch davon.

Albert Sawinsky liegt im Trend der Zeit. Für seine weltweiten Aktivitäten hat er mit diesem Standort und seinen Verkehrsanschlüssen die besten Voraussetzungen. Und er präsentiert sich mit seinen sensationellen dreidimensionalen Vexieren. Albert Sawinsky entwickelt hölzerne Quader und Würfel und Kugeln, die, zerlegt, ganze Zimmerinventare für Puppenstuben und weitere, zugehörige Miniaturmöbel ergeben. Den Höhepunkt bilden Zauberkugelnund Teufelsknoten, deren Öffnen und Wiederzusammensetzen höchste Anstrengungen und Geduld erfordern. Diese Entwicklungen lässt er sich, wie alle weiteren, patentieren. Sie werden auch als Lehrmittel an Schulen eingesetzt. Alle Konkurrenzprodukte reichen nicht an den Schwierigkeitsgrad, die Schönheit und den Charme dieser Vexiere heran. Zu seinem „Denkspielzeug“ kann man sagen: „Oft kopiert und nie erreicht!“

Wo und wie er sich seine Fertigkeiten speziell zur Herstellung dieser komplizierten Spiel-zeuge erworben hat, ist nicht bekannt. Er muss ein Meister der Drehbank und Sägemaschine gewesen sein. Auf späteren Ausstellungen verdächtigen Messebesucher den Albert Sawinsky des Betruges: „Er habe unter der Drehbank einen kundigen Zwerg versteckt!“ Eine Groß-nichte Alberts erinnert sich noch, dass bei ihren Besuchen bei der Großmutter in Troisdorf in der Bahnhofstraße 19 die Rede davon war, Albert habe sich das alles allein angeeignet und selbst entwickelt.

Er ist befreundet mit Klaus Keller, dessen Vater auf der Hippolytusstraße eine Zahnradfabrik besaß. Alberts Onkel Heinrich Hamacherbesitzt in der Kölner Straße in Troisdorf die Firma Elfd-Hamacher, eine Werkzeug- und Eisengießerei. Auch diese beiden Unternehmen tragen stark zur Industrialisierung der Stadt Troisdorf bei. Sehr wahrscheinlich erwirbt er sich durch diese Freundschaften die nötigen Kenntnisse. Auf jeden Fall ist er hochbegabt. Er verfügt über einwandfreie Englisch- und Französisch-Kenntnisse. Später soll er mit seiner Ehefrau, die er „Madame“ nannte, in Anwesenheit der Kinder nur französisch gesprochen haben. Nebenbei bemerkt: ein reicher Vetter, Wilhelm Hamacher, wird später der erste Kultusminister Nordrhein-Westfalens.

Mit seiner Spielzeugproduktion hat er weltweit Erfolg. Bereits 1903 (mit 19 Jahren!) reist er nach Amerika zur Weltausstellung in St. Louis / Missouri. Er will dort 1904 ausstellen. Der Weg von New York, wo er an Land geht, bis nach Missouri, ist weit. Es geht vom „Big Apple“ über Chicago entlang der „Route 66“ nach St. Louis. An irgendeiner Stelle muss er den Missouri-River überqueren. Man erzählt, dass er auch zu Pferd unterwegs war. Für ihn war das gewiss keine Traumstraße. Auch die DAMUKA (Deutsche Armee-, Militär- und Kolonialausstellung) ist dort vertreten. Die Ausstellung dauert fünf Monate, er wird dort – zum ersten Mal – für seine Erzeugnisse mit einer Goldmedailleausgezeichnet.

Schon zu Beginn ist der Weg dorthin ist abenteuerlich. Während der Schiffspassage nach New York versuchen professionelle Spieler, Betrüger und Diebe, die als Dauerpassagiere ständig zwischen Europa und Amerika pendeln, die Mitreisende um ihr Hab und Gut zu bringen. Die Spieler lassen die Opfer bis kurz vor der Ankunft gewinnen, um sie dann am Ende alles verlieren zu lassen. Die Betrogenen müssen dann oft noch um einen Notgroschen betteln, um an Land gehen zu können. Taschendiebe treiben sich auf den Erste-Klasse-Decks herum und halten nach Schmuck und Uhren Ausschau. Betrüger verkaufen Anteilscheine für Claims und Landbesitz. Ein Höllenloch! Der Kapitän des Schiffes, der den jungen Sawinsky vor diesen Gefahren warnt, bietet ihm an, sein Geld während der Überfahrt in Verwahrung zu nehmen. So rettet Albert sein Startkapital.

In St. Louis angekommen schafft er es, sich bis zur höchsten Instanz der Ausstellungs-kommission durchzukämpfen. Er ist knapp an Geld. Seine Schuhe sind kaputt, eine Sohle hat sich schon gelöst. Aber furchtlos durchschreitet er die Ehrfurcht gebietenden heiligen Ausstellungshallen und wird vorgelassen. Er beeindruckt die Kommission so, dass sie ihm einen eigenen Stand zuweist.

Einer seiner Standnachbarn ist der weltberühmte Jahrmarktorgelbauer Wurlitzer, der dem 19-jährigen Greenhornunverhohlen einen prächtigen Misserfolg prophezeit. Doch das Wunder geschieht. Albert Sawinsky kann sich vor dem „Run“ auf seinen Stand kaum retten. Ungläu-biges Staunen erfasst die Besucher, wie er an der Bandsäge per Handführung die Vexiere vor ihren Augen entstehen lässt. Man späht sogar unter den Sägetisch, weil man dort eine zweite Person vermutet, die den Vorgang steuert.

Auf eine Fotografie seines Messestandes schreibt er: „Mein erstes richtig großes Geschäft! Oktober 1904 St. Louis USA, Weltausstellung“. Er kann die Dollar-Scheine nur so in die Taschen stopfen und findet kaum Zeit, das Wechselgeld herauszugeben.

Ein paar Wochen später liefert der Geldbriefträger in Troisdorf einen so großen Betrag ab, dass es den Eltern Angst macht. Das Geld hätte für den Bau oder Kauf eines ganzen Hauses gereicht. Die Familie setzt sich zusammen und betet für den „armen Jungen“ den Rosenkranz. Sie fürchten, dass er in Verbrecherkreise geraten oder an einem Bankraub beteiligt gewesen sein muss.

St. Louis wird für Albert Sawinsky zum Tor der Welt!

Später berichtet er seinen Söhnen vom großen Tor zum Westen, durch das seinerzeit viele Siedlertrecks von St.Louis in ein Gebiet zogen, das durch Thomas Jefferson, dem dritten Präsidenten der USA, im Jahr 1803 von Napoléon I. erworben wurde. Der brauchte das Geld zur Finanzierung seiner mörderischen Kriege. Die Pionierbewegung, mit all ihren Schatten-seiten, hielt über hundert Jahre an.

Albert Sawinsky besitzt etwas von diesem Pioniergeist, als er mit 19 jungen Jahren diesen Sprung wagt.

Zeitgleich finden damals von Juli bis November auf dem Messegelände die Olympischen Sommerspiele statt. Frauen war die Teilnahme verboten. Dafür durften sich die Männer im Tauziehen, Tonnenspringen und Sackhüpfen messen.

Diese Weltausstellung zeigt auch ein bizarres Gesicht. Eingeborene verschiedener Ethnien werden „lebendig“ zur Schau gestellt: Apachen aus dem Südwesten der USA, Igorot von den Philippinen, Tlingit aus Alaska, Menschen aus Guam und Puerto Rico. Am bizzaresten: Herr Ota Benga, ein Pygmäe aus dem Kongo, wird nach der Ausstellung vom Betreiber an den Bronx Zooin New York „weitergereicht“, um dort zusammen mit einem Orang Utan vorge-führt zu werden! Auf einer 51.000 m2 großen Fläche wird täglich drei Stunden lang der Krieg zwischen Engländern und Buren nachgestellt. Zu den Darstellern gehören auch Zulus, Swazis, San und Ndebele. Allein dieses abstoßende Kriegsspektakel bringt einen Gewinn von 113.000 US-$ ein.

Am Ende der Weltausstellung sucht Albert Sawinsky ein Kontor auf, um sich eine Schiffs-passage in die Heimat zu besorgen. Dort wird ihm unheimlich. Die „Dame“ an der Kasse weist nämlich recht männliche Gesichtszüge auf und ist sehr robust und muskulös gebaut. Als Albert Sawinsky bemerkt, dass sie eine blonde Perücke trägt, tritt er eiligst den Rückzug an. Einige Tage später meldet eine Zeitung, dass die Polizei in dem Kontor eine Falltür entdeckt hat. Solvente Kunden sollten wohl durch diese auf „Nimmerwiedersehen“ verschwinden. Er aber schafft es heil und gesund nach Hause nach Troisdorf. Und dann geht das Geschäft richtig los! Denn fortan reist er von Troisdorf aus von Ausstellung zu Ausstellung.

1905 und 1906 stellt er in Lüttich und Görlitz, in Paris, Brüssel, Marseille, Nizza und Monte Carlo aus. 1907 in Berlin, wo das Kronprinzenpaar persönlich seine Ausstellung besucht. ER wird zum kaiserlichen Hoflieferantendes deutschen Kaiserreiches. In Berlin besucht er auch die Automobilausstellung und sieht dort zum ersten Mal Fahrzeuge der Firma PROTOS. Die beeindrucken ihn sehr. 1908 geht es nach Hamburg, Lübeck, Königsberg und München. Weitere Städte sind Köln, Magdeburg, Breslau und Posen. Was für ein Tempo! 1910 baut er seine Produktion mit einem neuen Betrieb auf dem elterlichen Grundstück in Troisdorf aus. In Wien, wo er ebenfalls seine Spiel-waren präsentiert, besucht Kaiser Franz-Josefpersönlich seinen Stand. Nun wird er auch zum Hoflieferanten der KuK-Monarchie. Der Kaiser ist so beeindruckt, dass er Albert Sawinsky zu einem Jagdausflug einlädt. Der Kundenandrang auf seinen Messeständen ist so groß, dass ihm die Waren ausgehen. Er gibt, mit Einverständnis der Käufer, halbfertige Erzeugnisse aus, die diese später reklamieren können. Das fertige Erzeugnis liefert er – natürlich kostenfrei – nach und hat sich so den Kaufvertrag gesichert. Damals gab es noch „konkludentes Handeln“. Er erfüllte alle Verträge.

Im Jahr 1914 heiratet er in Troisdorf die aus der Eifel stammende Clara Cremer. Sie wohnen im elterlichen Haus in der Bahnhofstraße 19.

Ein Jahr später ist er mit seinen Produkten auch auf der Ersten Internationalen Hygiene-Ausstellungin Dresden vertreten. Um Tropenhölzer für seine Produkte zu kaufen, reist er oft nach Marseille. Dort stellt ihm sein französischer Geschäftspartner seinen kleinen Sohn vor, der voller Stolz den Reim vorträgt: „Nous allons en Allemagne, nous battons les Allemands!“ Ein böses Omen!

1914 stirbt seine Frau Clara. Der Bronzeengel, der auf dem Friedhof hinter St. Hippolytus ihr Grabmal ziert, ist heute im Besitz der Schwiegertochter Ursula Sawinsky. Diese Skulptur ist wahrscheinlich von der Gießerei Elfd-Hamacher hergestellt worden. In diesem schicksals-schweren Jahr stellt er in Köln und Malmö aus, wo er die „sensationelle Nachricht“ vom Ausbruch des Krieges erhält. Nun ist eigentlich alles aus und vorbei.

Er meldet sich freiwillig und wird mit Gestellungsbefehl im Jahr 1915 in die kaiserliche Armee eingezogen. Er ist nun Kanonier in der Ersatz-Batterie Nr. III des Ersatzbataillons des Fuß-Artillerie-Regimentes Nr. 9. Seine Erkennungsmarke ist noch erhalten. Die erste Unterkunft ist das Hotel Rebstock in Koblenz. Er wird bei Kämpfen in Frankreich zweimal verwundet und muss nach der Genesung wieder an die Front. Wegen seiner hervorragenden englischen und französischen Sprachkenntnisse und seines erstklassigen Rufes wird er bei Kriegsende von den Siegermächten als Dolmetscher und Verbindungsmann in Anspruch genommen.

Dem Kriegsende folgt die November-Revolution, die am 4. November 1918 mit dem Kieler Matrosenaufstand ihren Anfang nimmt. In vielen Städten bilden sich Arbeiter- und Soldaten-räte. Sie sind Organe der Selbstverwaltung, in denen sich Arbeiter und Soldaten erheben, um die eben entstandene parlamentarische Regierung zu stützen und den Ersten Weltkrieg zu be-enden. In Troisdorf ist Albert Sawinsky der Zweite Vorsitzende des Arbeiter- und Soldaten-rates. Für einen Unternehmer ist das ungewöhnlich. Aber sein guter Ruf, seine Organisations-fähigkeit und seine Besonnenheit sprechen für ihn, und so hat er einen beruhigenden Einfluss auf die Situation im Ort.

Mit Spielzeug ist jetzt kein Geschäft zu machen. International sowieso nicht. Als rühriger Geschäftsmann eröffnet er 1920 mit Partnern das erste Kino in Troisdorf, die sogenannten „Kronprinzen-Lichtspiele“ am Bahnhof. Es wurde im Zweiten Weltkrieg stark beschädigt. 1948 nahm es als „Litro-Kino“ den Spielbetrieb wieder auf. Es existiert noch heute.

In derselben Zeit wird Albert Sawinsky zu 50 % Kompagnon der Firma Ludwig Görres & Co.Diese erwirbt mit dem Unternehmer Heinrich Hahneine Auto-Konzession für den Nah-verkehr im Siebengebirge. Diese Konzession muss von der französischen Rheinlandkommis-sion erworben werden und kostet Albert 2.000 Mark. Die ersten „Omnibusse“ sind PROTOS-Modelle. Es handelt sich um verlängerte Limousinen mit vier Sitzreihen à vier Personen. Die offenen Fahrzeuge haben nur ein Faltverdeck, aber keine Scheiben. Es gibt Fahrpläne, Halte-stellen und ein deckendes Streckennetz. Es wird auch Post mitgenommen. Für die vernach-lässigte Gegend im Siebengebirge ist das ein Segen. Am 1. November 1928 wird das Unter-nehmen von der Reichspost übernommen. Die rüstet den Fuhrpark mit neuzeitlich ausge-rüsteten Postautos aus.

Albert Sawinsky ist ein Mann des Tempos. Mit den Omnibussen kauft er für sich selber das damals modernste Automobil der Welt, eben eine „PROTOS“-Limousine der Extraklasse. Dieses Fahrzeug, dessen griechischer Name „Sehnsucht“ bedeutet, verfügt über „sagenhafte“ 115 Pferdestärken. Es ist das schnellste Serienfahrzeug der Welt und schafft ca. 110 km/h. Zur Ausstattung gehören elektrische Scheibenwischer, eine Innenraumheizung sowie eine halbautomatische Fliehkraftkupplung. Schon die kaiserliche Familie fuhr solche Luxus-karossen. Später wird PROTOS von der Firma Siemens übernommen. Albert chauffiert darin im Rahmen seiner Verbindungstätigkeit auch hohe Besatzungsmilitärs.

Ein anderer, sympathischer Spleen: er legt sich eine Petschaft, ein Siegel, zu. Zu sehen ist ein Teckel, der einen Fuchs stellt. Diese Jagdhunde sind klug, ausdauernd und findig. Sagt das etwas über seinen Charakter aus?

1922 heiratet er in zweiter Ehe Maria Rechtmann. Sie ist Immobilienbesitzerin. Sie wohnen zunächst in Köln bei ihren Großeltern Heinrich Rechtmann. Albert ist noch präsent auf der MIAMA-Ausstellung (Mitteldeutsche Ausstellung für Siedlung, Sozialfürsorge und Arbeit) im Jahr 1922 in Magdeburg. Er versucht alles, um wieder auf den Markt zu kommen. 1923 wird sein erster Sohn Heinz Albert geboren. Die Besetzung des Rheinlands durch die Franzosen trifft Albert Sawinsky und sein Unternehmen hart. Exportverbot! Er verlegt seine Spielwarenfabrik auf die Margarethenhöhe nach Ittenbach in das Haus „Margarethenkreuz“. Hier verbringt er mit seiner Familie den Sommer, wo sie über der „Ökonomie“, d. h. im oberen Stock auf dem Bauernhof wohnen. Später beziehen sie dort die „Villa Ölberg“. Hier werden auch seine Söhne Siegfried und Karl-Günther Justinian geboren. In seinen Aufzeichnungen vom 4. Dezember 1923 blickt er auf die Ereignisse des Jahres zurück:

„Durch die gewaltmäßigen Eingriffe der Franzosen … lagen alle Fabriken und Bergwerke still und die Arbeiter bezogen Arbeitslosenunterstützung, die gegen das strenge Verbot der Franzosen an die Leute bezahlt wurde. … Ich benutzte diese ruhige Zeit, wo keinerlei Geschäfte mit dem Ausland gemacht werden konnten, um meine Spielwarenfabrik nach dem Siebengebirge (Margarethenkreuz) zu verlegen (war vorher in Troisdorf). Nachdem ich den Betrieb fertig eingerichtet hatte, war die politische Lage noch immer unverändert, die Franzosen duldeten nicht, dass deutsche Erzeugnisse exportiert wurden. Die Eisenbahnen lagen immer noch still, und daher ließen wir den Betrieb ruhen. Da die Arbeitslöhne pro Stunde infolge der Geldentwertung schon bis zu 1 Billion Mark heraufgewachsen waren, konnten wir (gemeint sind unter „wir“ ich selbst und mein neu aufgenommener Sozius Herr P. H. Bachem, Gutsbesitzer von Margarethenkreuz), auch nicht auf Vorrat arbeiten lassen.“

Paul Hubert Bachem, der Besitzer des Margarethenhofes, wird also sein Compagnon. Nach dem Stillstand durch die französische Besatzung ist die Produktion auf der Margaretenhöhe zwar weitergegangen und sein Betrieb hat weiter expandiert, aber zwischen Besatzung und Weltwirtschaftskrise bleibt der große Erfolg aus. Der Enkel von Paul Hubert Bachem, der auch Paul Hubert heißt, ist der heutige Besitzer vom Margarethenkreuz. Er weiß vom Erzählen, dass sein Großvater nicht gut auf diese Zeit zu sprechen war. Er hätte viel Geld in die Spielzeugfabrik investiert und verloren. Das habe aber nicht an Albert Sawinsky gelegen.

Mit der Separatistenbewegungbeginnt die nächste blutige Zeit. Am 21. Oktober 1923 versuchen Separatisten, im Rheinland mit Hilfe belgischer und französischer Besatzungstruppen eine „Rheinische Republik“ auszurufen. Mit Gewalt bringt diese Bewegung einige Stadt- und Gemeindeverwaltungen unter ihre Kontrolle. Dabei helfen von ihnen rekrutierte „Schutztruppen“, die sich durch gewaltsame Requirierungen alimentieren. Es kommt zu bewaffneten Auseinandersetzungen mit der Bevölkerung, die sich diese Raubzüge nicht gefallen lässt. Allein im Siebengebirge kostet dieses politische Abenteurer 120 Menschen das Leben. Der blutige Spuk endet am 20. November 1923. Der Lehrer in Ittenbach Adolf Sawinsky, der Bruder des Albert, kämpft gegen die Separatisten und wird später auch für materielle Verluste durch Requirierungen entschädigt.

Die Weltwirtschaftskrise bringt dann den ersten, wirklich großen Einbruch ins Geschäft. Die Banknoten, die man für ein Brot „hinblättern“ muss, wiegen mehr als das Brot selber. Am Ende kostet ein solches Brot 150 Quadrillionen Reichsmark. Personal und Material ist nicht mehr bezahlbar. Albert Sawinsky stellt die Spielwaren nur noch in kleineren Mengen auf Vorrat her. Die Anlage in Troisdorf wird aufgegeben. Produziert wird nur noch in Ittenbach. Noch einmal kann er die Katastrophe auffangen. Albert Sawinsky plant, in die USA auszuwandern. Doch seine Frau weigert sich „wegen des Untergangs der Titanic“, auch wenn dieses Unglück schon vierzehn Jahre zurück lag.

Im Jahr 1926 stellt Albert Sawinsky noch auf der „Gerolei“ aus, und 1931 auf der Bauausstellung in Berlin und auf der London Invention Exhibition. Am 1. Mai 1933 ist es die erste Ausstellung unter dem Nazi-Regime. Am 30. September zieht die Familie zurück nach Köln in die Rossstraße.

Ab 1933 bringen die Embargos den Export aus Deutschland Zug um Zug zum Erliegen. Also reist Albert Sawinsky nach London, um dort eine Produktionsstätte für seine Spielwaren aufzubauen, die ihm wieder die Märkte der Welt öffnen soll. Von da an müssen die Puppen-stuben und Vexierspiele mit „Made in England“ gekennzeichnet werden. In seinem Reisepass findet man mit dem Datum 15. August 1933 sein letztes England-Visum und mit diesem Datum endet auch die Geschichte um wirklich schöne und intelligente Spielwaren. Was folgt, ist der Nazi-Terror, der zerstörende Krieg und die bitterharte Nachkriegszeit.

Albert Sawinsky war Parteigenosse der NSDAP. Aber wohl nicht der zuverlässigste. Im Herbst 1944 droht ihm ein Parteiausschlussverfahren, eine gefährliche Angelegenheit mit möglichen schlimmen Folgen. Er war angeklagt gemäß Satzung § 4 Absatz 2b: „Mitglieder werden ausgeschlossen, wenn sie den Bestrebungen des Vereins zuwider handeln“. Er übersteht dieses Verfahren. Das Entnazifizierungsverfahren (man lese dazu „Der Fragebogen“ von Ernst von Salomon) bescheinigt ihm seine Lauterkeit.

Wie sollte es nun weitergehen? Albert Sawinsky war ein reicher Mann. Und er lässt sich nicht unterkriegen. Der Wert seiner Immobilien allein in Köln betrug vor dem Ersten Weltkrieg 128.000 Goldmark. Eine Goldmark hatte den Kaufwert von zwölf Euro. Zum Vergleich: ein schönes Einfamilienhaus kostete damals 6.000 Goldmark. Albert Sawinsky besitzt auch noch viele Grundstücke in der Eifel und im Siebengebirge. Aber allein in einer Bombernacht wer-den in Köln sechs seiner Mietshäuser fast vollständig zerstört, unter anderem auch das Haus „Am Duffesbach“ mit dem Tabak-Kontor. Nachdem das Haus in der Rossstraße zweimal zerstört worden ist, verlässt er Köln und zieht sich nach Krekel bei Kall in der Eifel zurück und krempelt die Ärmel hoch. Das „Litro-Kino“ in Troisdorf nimmt schon 1948 den Spielbetrieb wieder auf. Von den beschädigten und zerstörten Häusern versucht er zu retten, was zu retten ist. Diebstähle von dem aus den Ruinen geborgenem Material, Engpässe bei der Beschaffung von Baustoffen sowie Schwierigkeiten bei deren Zuteilung bringen viel Ärger. Er führt, auch wegen der Korruption in der Kölner Stadtverwaltung, einen erbitterten Kampf mit den Behörden. Diese Belastung bringt ihn sogar ins Krankenhaus. Aber es geht voran! In Krekel baut und eröffnet er das Hotel „Schönblick“. Mit Tankstelle und kleiner Werkstatt! Das ist sehr vorausschauend, denn das Hotel liegt an einer wichtigen Landstraße. Er weiß: die Leute werden wieder Auto fahren. Bis heute ist das „Schönblick“ bis nach Köln bekannt und u. a. ein beliebter Biker-Treff und Ruhepunkt der Eifeler Wanderfreunde und Jäger. Es ist immer noch im Familienbesitz.

Albert Sawinsky sieht Chancen und nutzt sie. Neben Obst- und Gemüsesäften handelt er auch mit Kaffee, den er selber röstet. In Krekel betreibt er schon vor dem Zweiten Weltkrieg Land-wirtschaft und produziert Futter für das eigene Vieh. Im Krieg wird das Anwesen Barbara-Straße 11 in Krekel von amerikanischer Artillerie unter dem General Omar Bradley beschossen. Eine Kuh erhält einen Volltreffer. Dieser General macht während des Vormarsches seiner Truppen genau dieses Haus für kurze Zeit zu seiner Unterkunft. Albert Sawinsky betreibt mit seinem ältesten Sohn Albert einen erfolgreichen kleinen Viehhandel. Er wird wieder als Fuhrunternehmer aktiv und beliefert aus seinem Baustoff- und Basalthandel mit seinen Lastkraftwagen die Baustelle des neuen amerikanischen Militärflughafens in Bitburg.

Mitten in dieser Zeit des Wiederaufbaus und Wirtschaftswunders stirbt Albert Sawinsky plötzlich und unerwartet am 15. Februar 1960. Er war ein Multitalent, ein Macher, ein Erfinder, ein Unternehmer. Er genoss bei Freunden, Mitarbeitern und in der Bevölkerung großen Respekt. Mit seinen Spielwaren hat er vielen Menschen, Groß und Klein, Freude bereitet. Noch bis in die 60er Jahre hinein verkaufte das in Köln sehr bekannte Spielzeuggeschäft „Feldhaus“ auf der Schildergasse seine Vexierspiele aus alten Lagerbeständen.

Etwas ist geblieben: Auf der internationalen Sammlerbörse für Vexierspielzeug wird heute für eine Puzzle-Puppenstube des Albert Sawinsky ein hoher Preis geboten.

Quellen:

  • Dokumente aus Familienbesitz
  • „Die deutsche Revolution 1918/1919“, Sebastian Haffner, Kindler Verlag, München 1979
  • http:allekinos.pytalhost=Troisdorf_Gloria
  • „Troisdorf vor 100 Jahren“, Peter Haas, Troisdorf
  • „Chronik der Volksschule Ittenbach“, Albert Sawinsky, 1945
  • „Denkspiele der Welt“, Pieter van Delft, Weltbild, 2004
  • „Spaß und Geduld. Zur Geschichte des Puzzlespiels in Deutschland“, Geert Bekkering, Husum, 2004