Gerhard Romilian von Calcum (v. Calcun, v. Kalcheim, v. Calcheim, v. Leuchtenberg), genannt Leuchtmar (1589-1644)

geschrieben von Peter Haas

Gerhard Romilian wurde am 5. Dezember 1589 in Spich geboren. Sein Vater war Wilhelm von Calcum, der aus Kalkum, heute Düsseldorf, stammte, wo seine Vorfahren im Vorgängerbau des heutigen Schlosses Kalkum residierten und sich im Verlauf des 16. Jahrhunderts in die Linien Leuchtenberg und Lohausen teilten. Seine Mutter Agnes war die Tochter des Wilhelm von Hanf, genannt Spich. Sie starb in Spich kurz nach der Geburt ihres Sohnes.


Gerhard Romilian, dem Zweig der Kalkum-Leuchtenbergs angehörend, wurde in höchst dramatischer Zeit geboren. Im Jahr seiner Geburt war der „Truchsessische Krieg“ beendet worden. In diesem Krieg ging es um nichts Geringeres als das Erzbistum Köln, und das war eines der drei geistlichen Kurfürstentümer des Deutschen Reiches. Gebhard Truchsess von Waldburg, Erzbischof von Köln, hatte sich in die protestantische Gräfin Agnes von Mansfeld, Kanonissin in Gerresheim, verliebt. Um sie heiraten zu können, wurde er protestantisch, wollte aber das erzkatholische Erzbistum Köln durchaus behalten und dabei – anders als im Augsburger Religionsfrieden vorgesehen – Religionsfreiheit gewähren. Das war zwar ehrenhaft, musste aber unvermeidlich zum Krieg führen, denn hier ging es um eine Machtfrage von allergrößter Bedeutung für das Deutsche Reich. Es kam zum Kölner oder Truchsessischen Krieg von 1583 bis 1589, in dem nicht nur die Godesburg zu der Ruine wurde, wie wir sie heute kennen, sondern unsere gesamte Region großen Schaden erlitt.

Die Vermutung ist nicht abwegig, dass Vater Wilhelm von Calcum, Anhänger der reformierten Kirche Calvins, im Zusammenhang mit diesem Krieg nach Spich kam, denn wie seine Familie hatten sich auch die von Hanf genannt Spich dem reformierten Bekenntnis zugewandt. Möglich aber auch, dass Wilhelm von Calcum alte Familienbande geknüpft hatte, denn wie Kurt Niederau in seinem Aufsatz „Die von Kalkum genannt von Leuchtmar“ in bewundernswerter Akribie gezeigt hat, hatten die Eheleute Gerhard Romilian und Agnes gemeinsame Urgroßeltern aus Spich: Rorich von Hanf gen. Spich und Anna S(t)obbe von der Heiden, die um 1470 geheiratet hatten (Niederau Ss. 36 u. 57).

Nach dem frühen Tod seiner Frau ging Wilhelm von Calcum mit seinem Kind zurück nach Kalkum. Der kurfürstlich brandenburgische Hofprediger Johannes Bergius schreibt in der Leichenrede zum Tod Gerhard Romilians, dass dieser in Duisburg die Lateinschule besuchte und anschließend ab 1607 sechs Jahre lang in Köln studierte, zunächst zwei Jahre Philosophie und danach Jura. Allerdings ist sein Name in der Matrikel der Uni Köln dieser Jahre nicht aufzufinden (Niederau S. 59).

Gegen Ende von Gerhard Romilians Ausbildung schlitterte seine Heimat und damit wohl auch seine Familie in einen neuerlichen Krieg, in dem es um die Erbfolge des Herzogtums Jülich, Kleve, Berg, Mark und Ravensberg ging, da dessen letzter Herzog kinderlos gestorben war. Auch in diesem Jülich-Klevischen Erbfolgekrieg von 1609 bis 1614 ging es äußerst erbittert um die Frage, ob dieses mächtigste Herzogtum des Westens, zu dem auch das Gebiet des heutigen Troisdorf gehörte, künftig katholisch oder protestantisch sein würde. Bereits hier drohte ein europäischer Krieg, wie er wenige Jahre später mit dem 30-jährigen Krieg folgte. Er wurde lediglich deshalb vereitelt, weil der französische König Henri IV. 1610 ermordet wurde und damit der protestantischen (!) Partei der wichtigste Helfer ausfiel.

Auf dem Höhepunkt der Auseinandersetzung wechselten im Jahre 1613 die Hauptbeteiligten aus machttaktischen Erwägungen die Konfession: Pfalzgraf Wolfgang Wilhelm von Neuburg-Pfalz wurde katholisch, Herzog Johann Sigismund von Brandenburg schloss sich der reformierten Kirche an. 1614 war es dann so weit, dass das Erbe geteilt werden konnte: Jülich und Berg kamen an das Haus Neuburg – Pfalz, an Brandenburg kamen Kleve, Mark und Ravensberg.

Von Gerhard Romilian erfahren wir, dass er sich bis 1617 auf eine vierjährige Bildungsreise durch Italien, Frankreich, Großbritannien und die Niederlande begeben hatte. Reisen dieser Art – auch Kavalierstour, grand tour oder Peregrination genannt – waren schon seit langer Zeit geübte Praxis vornehmlich der jungen Adligen, erlebten aber eingangs des 17. Jahrhunderts ihre erste Blüte. Leute von Stand lernten auf diese Weise die Welt kennen, um sich für höhere Aufgaben zu qualifizieren. Gerhard Romilian nutzte die Euro-Tour, um mit den Ländern – Italien, Frankreich, Niederlande – deren Sprache zu erlernen, so dass er bestens für ein diplomatisches Amt vorbereitet war.

Als er von seiner Reise zurückkehrte, stand der europäische, der 30-jährige Krieg unmittelbar bevor. Gerhard Romilians Heimatort gehörte zwar zu dem nunmehr katholischen Herzogtum Neuburg-Pfalz, doch dürfte ihn seine religiöse Überzeugung bewogen haben, seine Dienste dem protestantischen Haus Brandenburg anzubieten.

Brandenburg war zwar durch das Erbe am Niederrhein und durch die 1618 erfolgte Erbschaft des Herzogtums Preußen gebietsmäßig verdoppelt und reichte nun – mit Unterbrechungen – vom Rhein bis nach Polen, doch war es keineswegs zu beneiden: Die Hohenzollern selbst bekannten sich zur reformierten Kirche, ihre Landeskinder waren überwiegend Lutheraner, ihr einflussreichster Politiker, Adam von Schwarzenberg, in der Mark beheimatet, war Katholik, und die Schwester Georg Wilhelms von Brandenburg, der 1619 seinem Vater Johann Sigismund gefolgt war, heiratete den schwedischen König Gustav II. Adolf, der der kampfstärkste „Frontmann“ der Protestanten in den dreißiger Jahren des 30-jährigen Kriegs wurde. Mit anderen Worten: Brandenburg saß zwischen allen Stühlen. Verheerend war, dass Kurfürst Georg Wilhelm sich wie Buridans Esel für keine der beiden Seiten entscheiden konnte und dass Brandenburg wegen seiner geographischen Lage Hauptkampfgebiet vieler Schlachten wurde, so dass kein deutsches Territorium so sehr unter den Kriegsfolgen zu leiden hatte wie Brandenburg, das in weiten Teilen des Landes 50 Prozent der Bevölkerung verlor. In dieser misslichen Lage trat Gerhard Romilian in die Dienste Brandenburgs ein.
Mit dem Ausbruch der ersten Phase des 30-jährigen Kriegs zog Gerhard Romilian als Fähnrich mit dem brandenburgischen Heer gen Prag. Dort wirkte er weniger als Soldat denn als Diplomat, weil, so schreibt Joh. Bergius, „die Directores desselbigen Krieges wegen seiner Geschickligkeit und guten Verstandes eine besondere affection zu ihm gewonnen und ihn zu allerhand wichtigen Verschickungen in Ungern, Pohlen und den benachbarten Landen gebrauchet“.

Wegen seiner Verdienste wurde er 1622, ein Jahr vor Ende dieses Feldzugs, zum geheimen Rat und Kämmerer berufen.

Als 1626 die brandenburgische Prinzessin Catharina Herzog Bethlan Gabor von Siebenbürgen heiratete, beauftragte Kurfürst Georg Wilhelm unseren Gerhard Romilian, sie als ihren Kammerherrn nach Siebenbürgen zu begleiten, wo er seiner Herrin derart diente, dass es „nit allein der gnädigen Herrschafft zum gnädigen contento gereichet, sondern er auch von den Ständen desselbigen Landes höchlich beliebet worden“. Doch er wünschte sich wieder ins Brandenburgische zurück. Bevor er das in die Tat umsetzte, heiratete er die Kammerjungfer der Herzogin, Anna Catharina von Eckart.

Wieder zurück in Berlin, ernannte Kurfürst Georg Wilhelm ihn zum Hof- und Kammergerichtsrat und zum „Director aller Kriegssachen“. Außerdem wurde er noch zum Amtshauptmann der Grafschaft Ruppin berufen. Es ist zu vermuten, dass Gerhard Romilian kurz danach aufs Abstellgleis gestellt wurde. Denn nach 1626 hatte der Katholik Adam von Schwarzenberg so viel Einfluss in der brandenburgischen Politik gewonnen, dass es ihm gelang, Brandenburg an die kaiserliche – die katholische – Seite zu bringen. Vier Jahre später änderte sich erneut Brandenburgs Geschick. Anscheinend gegen den Willen Adam von Schwarzenbergs wandte sich der Kurfürst, wohl unter dem Einfluss seines Schwagers Gustav II. Adolf, der protestantischen Seite zu. Erneut wuchs der Einfluss des geheimen Rats Gerhard Romilian von Calcums. In den folgenden Jahren übernahm er mehrere diplomatische Missionen, so 1630 nach Schweden, 1631 und 32 nach Frankfurt/Main, 1633 zum Kurfürsten von Sachsen und ein Jahr später erneut nach Frankfurt (Bergius).

1635, drei Jahre nach dem Tod Gustav II. Adolfs (in der Schlacht bei Lützen) wandte sich der wankelmütige Kurfürst Georg Wilhelm erneut der kaiserlich katholischen Seite zu. Die Folge war, dass der treue Protestant Gerhard Romilian erneut entmachtet wurde. Er ersuchte, vermutlich von Adam von Schwarzenberg bedrängt, um seinen Abschied. Dieser wurde ihm in der Weise bewilligt, dass „S. Churfürstl. Durchlaucht außdrucklich dabei erwehnen lassen, seine Stelle sollte ihm zu jeder Zeit, wann ihm dieselbe zu betreten belieben würde, offen stehen“ (Bergius).

Es liegt nahe zu vermuten, dass der unfreiwillige Müßiggang mit dazu beitrug, dass von Calcum unter dem Gesellschaftsnamen „der Ausheilende“ 1636 die Berufung des Fürsten von Anhalt-Köthen als 276. Mitglied (von später 890) in die „fruchtbringende Gesellschaft“ einzutreten, annahm. Ziel dieser Gesellschaft, die auch „Palmenorden“ genannt wurde, war es, „bei dem bluttriefenden Kriegsjammer unsere edle Muttersprache, welche durch fremdes Wortgepräge wässerig und versalzen worden, hinwieder in ihre uralte gewöhnliche und angeborne deutsche Reinigkeit, Zierde und Aufnahme einzuführen, einträchtig fortzusetzen und von dem fremd drückenden Sprachenjoch zu befreien“. Wie tröstlich zu wissen, dass es selbst in diesem endlos langen und grausamen Krieg noch Menschen gab, die sich Sorge um die deutsche Sprache machten und sie vor einem Übermaß an Fremdwörtern – damals überwiegend französischen und lateinischen – bewahren wollten. Wie gut stünde es uns heute in unserer relativ friedlichen Zeit an, die deutsche Sprache vor einem Übermaß an Anglizismen zu bewahren. („Clean up Troisdorf“ lese ich auf den städtischen Kehrmaschinen – wenn nur diejenigen, die das verstehen, sich daran halten würden, wäre Troisdorf ein riesiger Müllplatz.)
In den Folgejahren hielt sich Gerhard Romilian in Hamburg und Duisburg auf. Danach berief der Kurfürst ihn 1938 zum Botschafter in Frankreich, wo er zur Zufriedenheit beider Seiten wirkte.

Nach dem Tod des wankelmütigen Georg Wilhelm übernahm sein Sohn Friedrich Wilhelm die Herrschaft. Er sorgte für klare, eindeutig protestantische Verhältnisse, hätte Schwarzenberg aus dem Amt gedrängt, wenn dieser nicht gestorben wäre, und rehabilitierte Gerhard Romilian, indem er ihn 1641 (erneut) zum geheimen Rat berief. „Ehe er noch die lieben Seinigen zu sich bekommen“, heißt es in der Leichenrede, ist er „nacher Schweden geschicket worden“, um einen Friedensvertrag zu schließen, was ihm gelang. Dieser am 14. Juli 1641 geschlossene Vertrag war der erste Schritt in eine neue Zeit ohne Krieg. Gerne hätten er und Kanzler Sigismund von Götze bei einem zweiten Besuch in Schweden ein Jahr später auch die Ehe zwischen der schwedischen Königin Christine und Friedrich Wilhelm angebahnt. Doch darin war ihnen kein Erfolg beschieden.

In der Folgezeit hielt er sich am kurfürstlichen Hof in Küstrin auf, wo ihn eine Krankheit ereilte, an der er am 18. Oktober 1644 starb, vier Jahre bevor der Krieg endete, der die Hälfte seines Lebens und sein gesamtes Arbeitsleben bestimmte.
Domprediger Bergius urteilt über Gerhard Romilian von Calcum: „Dieses war das höchste an ihm zu loben, dass Er seine Religion nit nur im Munde, sondern im Leben demonstriret, und die höchste Tugend die Gottesfurcht vor allen practiciret, alle sein Thun u. Lassen nach der Richtschnur Göttliches Worts gerichtet und nichts ohn vorhergehendes Gebet weder in wichtigen noch geringen Sachen vorgenommen … Daneben er eines ehrbaren, mäßigen, nüchternen Lebens sich jederzeit beflissen, gegen jedermann friedlich, freundlich, demütig, gegen Bedrückte und nothleidende mitleidig und behülfflich sich erzeiget, wie ihme solches alle die rühmlich nachsagen werden, die jemals seiner ansprache oder hülffe begehret.“

Bei großen menschlichen Vorzügen, so wage ich angesichts einer insgesamt spärlichen Quellenlage mit Vorsicht zu bewerten, hatte er nicht die Durchsetzungskraft, sich gegen die Schaukelpolitik des Kurfürsten Johann Georg zu behaupten, den sein Urenkel Friedrich der Große „den unglückseligsten der Vorfahren“ nannte und den andere weniger gnädig als „die jämmerlichste Figur, die die Hohenzollern hervorbrachten“, abqualifizierten. Als dieser 1640 starb, wurde Gerhard Romilian v. Calcum durch den Nachfolger Friedrich Wilhelm, den nachmaligen „großen Kurfürsten“, rehabilitiert, doch da reichte seine Lebenszeit nicht mehr, um noch Bedeutendes zu bewirken.

Gerne wüssten wir Troisdorfer natürlich, ob von Calcum als Erwachsener noch Beziehungen zu seinem Geburtsort Spich und seiner dortigen Verwandtschaft hatte, doch ist uns darüber leider nichts überliefert. Dass er sich um seine Verwandtschaft kümmerte, kann man daraus ersehen, dass durch seine Vermittlung sein Cousin Johann Friedrich von Leuchtmar 1628 an den kurfürstlichen Hof kam und dort der von vielen Zeitgenossen gerühmte Hofmeister und Erzieher des heranwachsenden Prinzen Friedrich Wilhelm, des späteren „großen Kurfürsten“, wurde, der Preußens Aufstieg zur europäischen Großmacht anbahnte.

Literatur:

  • Allgemeine deutsche Biographie Bd. 3, S. 693, Stichwort: Calcum, Gerhard Romilian von
  • Gerhard Romilian von Kalchun, Genand Leuchtmar von dem Hause Leuchtmar, Churfürstl. Brandenburg. Gewesenen Vornehmen Geheimbten, auch Kriegs-, Hoff- und CammergerichtsRathes und Hauptmanns der Graffschafft Ruppin Seligster Gedächtniß, In der ThumbKirchen zu Cölln an der Spree … erkläret Durch JOHANNEM BERGIUM, Der H. Schrifft Doctorem, Churfürstl Brandenburg. Consistorial-Rath und Hoffpredigern, aus: Leichenreden aus dem Stadtarchiv Braunschweig
  • Kurt Niederau, Die von Kalkum genannt von Leuchtmar. Zur Geschichte des bergischen Adels, in: Zeitschrift des Bergischen Geschichtsvereins, 86. Band, 1973

 

Haus Spich heute : Ein denkmalgeschütztes Gebäude von 1860

 

 

 

 

 

Wo einst Viehställe waren, werden heute Oldtimer renoviert und fahrtüchtig gemacht.