Dr. Alfred Meier

geschrieben von Peter Haas

1995 schlug der damalige Vorsitzende des Heimat- und Geschichtsvereins, Matthias Dederichs, vor, eine neue Straße in Troisdorf-Bergheim nach Dr. Alfred Meier zu benennen. Was er mir über ihn zu berichten wusste, machte mich so neugierig, dass ich auf der Stelle versuchte, mehr über ihn zu erfahren.

Frau Carola Metzger erzählte mir, eine Cousine Alfreds, Miriam Katwan, geborene Meier, lebe noch in Israel. Ich schrieb sie an und erhielt von ihr eine Ahnentafel, aus der ich folgende Verwandtschaftsbeziehungen ersehen konnte:

Alfred Meiers Großvater Benjamin, geboren 1835, hatte mit seiner Frau Henrietta in Sieglar acht Kinder, sechs Jungen und zwei Mädchen. Von diesen blieben drei im heutigen Stadtgebiet Troisdorfs ansässig:

  • Emanuel Meier wohnte mit seiner Frau Regina in Troisdorf in der Poststraße 69. Sie hatten zwei Söhne, Arthur und Josef, die als Erwachsene „Im Grotten“ wohnten und dem Holocaust entkamen. Arthur starb 1982 in Dortmund, und Josef emigrierte 1939 über England nach Australien. Vater Emanuel starb 1942 im Internierungslager Much, während seine Frau Regina mit Schwiegertochter Selma und deren Sohn Günther 1942/43 in Trostinez bzw. Sobibor umgebracht wurden.
  • Emanuels Bruder Philipp gründete mit seiner Frau Eva, genannt Hanna, eine Metzgerei in Spich. Sie hatten zwei Töchter und einen Sohn. Tochter Erna heiratete Martin Lesser. Beide wurden ins Internierungslager Much verbracht, wo sich ihre Spur verlor. Tochter Martha, genannt Miriam, emigrierte 1934 nach Palästina. Sie war es, die brieflich und telephonisch wichtige Auskünfte über ihren Vetter Alfred gab. Das älteste Kind von Philipp und Eva Meier war Arnold. Er wurde 1904 in Spich geboren, absolvierte das Gymnasium in Siegburg, studierte in Köln und Paris Französisch, emigrierte im März 1933 nach Manchester in England und wurde dort Französischlehrer. Er besuchte 1989 auf Einladung von Matthias Dederichs Spich und überreichte bei dieser Gelegenheit die Kopie eines Briefes seines Vetters Alfred vom Oktober 1945 für das Stadtarchiv. In diesem Brief schildert Alfred seinen Leidensweg und liefert damit die wichtigste Quelle dieser Darstellung.
  • Benjamin und Henriettas drittes Kind, das im Troisdorfer Stadtgebiet wohnen blieb, war Moses Meier, der in Sieglar die elterliche Metzgerei weiterführte und mit seiner zweiten Frau, Mathilde, drei Kinder hatte. Der älteste Sohn, Karl, emigrierte 1928 wie bereits ein Jahr zuvor seine Schwester in die USA. Alfred blieb bei seinen Eltern in Sieglar.

Arnold Meier erinnerte sich in einem Brief, sein Vetter Alfred sei ein besonders sprachbegabter, guter Schüler und ausgezeichneter Sportler gewesen. Zweimal in der Woche besuchte er die Synagoge in Mondorf, wo er von Herrn Lachmann aus Bonn Religionsunterricht erhielt. „Wir hatten ausgezeichnete Lehrer und hilfreiche Nachbarn“, erinnert sich Arnold Meier, während er ansonsten über seine und seines Vetters Kindheit und Jugend zu dem Urteil kommt: „Wir beide hatten es nicht leicht.“

Von 1913 bis 1922 besuchte Alfred Meier das Gymnasium in Siegburg. Als ausgezeichneter Turner und Fußballer betätigte er sich intensiv im Sieglarer Sportverein und wurde später mehrere Jahre stellvertretender Vereinsvorsitzender. Die Inbetriebnahme der Straßenbahn Zündorf – Siegburg am 25. Mai 1914 dürfte seinen täglichen Schulweg nach Siegburg wesentlich erleichtert haben.
Nach dem Abitur arbeitete Alfred zwei Jahre als Werkstudent bei den Klöckner-Mannstadt-Werken. Anschließend studierte er in Köln und Bonn Jura. Er promovierte nach der ersten Staatsprüfung und legte in Berlin die zweite Staatsprüfung ab. Er beschloss, Rechtsanwalt zu werden. Wir wissen nicht, ob das sein originärer Wunsch war, allerdings waren seit der Reichsgründung von 1871 den jüdischen Juristen Richterlaufbahn und Staatsdienst praktisch verschlossen, so dass sie zwangsläufig Rechtsanwälte werden mussten. Dies änderte sich zwar de iure in der Weimarer Republik, doch blieb es de facto bei der überkommenen Rollenverteilung. Es gab kaum jüdische Richter, dafür jedoch sehr viele jüdische Rechtsanwälte. So wurde auch Alfred als „Dr. Meier III“ am 27. Januar 1931 zur „Anwaltschaft beim Amts- und Landgericht Bonn“ zugelassen. Seine überwiegend zivilrechtliche Praxis und seine Wohnung hatte er in der Münsterstraße 24 in Bonn (Zitiert aus: Das Schicksal der im Landgerichtsbezirk Bonn zugelassenen jüdischen Rechtsanwälte während der Zeit des Nationalsozialismus, hrg. v. Bonner Anwalt-Verein, Bonn 1992).

Alfred Meier kann nicht verborgen geblieben sein, was für eine ungeheure Bedrohung im Januar 1933 durch Hitlers Kanzlerschaft auf ihn zukam. Dennoch machte er seinem Vetter Arnold, wie der sich in einem an mich gerichteten Brief vom 3. Juni 1996 erinnert, heftige Vorwürfe, weil er Deutschland und damit seinen Vater verlassen habe. Weder Arnold noch Arnolds Schwester Miriam gelang es, ihren Vetter Alfred davon zu überzeugen, dass es für ihn keine Zukunft mehr in Deutschland gäbe. Am 26. Juni 1933 wurde „Dr. Alfred Meier III aufgrund des Gesetzes über die Zulassung zur Rechtsanwaltschaft vom 7. April 1933 aus der Liste der Anwaltschaft gelöscht“. In einem Brief vom 12. Februar 1997 erinnert sich seine mit ihren Eltern in die USA emigrierte Nichte Lillian Zodikoff: „In dieser Zeit forderten meine Eltern Dr. Meier und seine Eltern auf, in die USA zu emigrieren. Wegen ihres Alters scheuten die Eltern die Anstrengung einer so langen Fahrt, und unter dem falschen Eindruck, es würde nichts Schlimmes passieren, weigerten sie sich, nach Amerika zu kommen. Alfred blieb, weil er sie nicht alleine lassen wollte.“

Nach dem Berufsverbot zog Alfred zu seinen Eltern nach Sieglar. Am 10. November 1938 kam er ins KZ Dachau. Da er dort überzeugend darstellen konnte, dass ihm von dritter Seite die Ausreise nach Shanghai ermöglicht werde, wurde er nach zwei Monaten entlassen. Als der Plan, nach China zu emigrieren, scheiterte, erhielt er eine Vorladung zur GeStaPo Köln. Dieser entzog er sich durch die Flucht nach Brüssel, wo er Asyl erhielt und heiratete. Am 10. Mai 1940, dem Tag der deutschen Invasion, wurde er wie viele andere deutsche Emigranten, darunter auch der Troisdorfer Erwin Brünell, verhaftet und in ein Lager im französischen St. Cyprien an der spanischen Grenze deportiert.

Da er an Typhus erkrankte, wurde er für sechs Monate in ein Behelfshospital in Perpignan verlegt. Im Umgang mit den dort lebenden Spaniern lernte der Sprachbegabte innerhalb weniger Monate Spanisch.

Nachdem seine Frau ihm aus Brüssel nachgereist war, floh er und tauchte mit ihr zunächst in Marseille und dann in Zentralfrankreich unter, wo er Mitte 1942 zum französischen Arbeitsdienst eingezogen wurde. In dieser Zeit schickte ihm sein Bruder Karl aus den USA 200 Dollar, die ihm die Flucht aus Europa ermöglichen sollten. Alfred floh nicht, sondern legte das Geld in eine Dose, in der er Familienfotos und seine Papiere aufbewahrte. Was dann geschah, schilderte er in seinem Brief an seinen Vetter Arnold vom Oktober 1945 nicht ohne Galgenhumor: „Ich verfiel erneut der magnetischen Anziehungskraft der deutschen KZ und wurde via Drancy nach Oberschlesien deportiert.“

In einem der 40 Arbeitslager, die den drei Stammlagern, die man zu dem Begriff „Auschwitz“ zusammenfasst, zugeordnet waren, musste Alfred Meier in den folgenden Monaten zwölf Stunden pro Tag arbeiten. „Ein Essen, das von Schweinen bestimmt zurückgewiesen worden wäre, bestialische Misshandlungen … Verlustquote in dieser Zeit: 60% durch mehr oder weniger natürlichen Tod, Mißhandlungen, Selection für die Gaskammern“, schrieb er in dem schon erwähnten Brief, der auch die hauptsächlichste Grundlage der nachfolgenden Darstellung ist. Er vermutete, er habe wohl nur deshalb überlebt, weil er eine robuste Gesundheit hatte und weil er Vorarbeiter wurde.

Nach einigen Monaten wurde Alfred Meier nach Auschwitz überführt. Er kam vermutlich ins KZ Auschwitz III in Monowitz, dem die Fabrik zur Herstellung von synthetischem Benzin zugeordnet war. Dort wurde er bald Lohnbuchhalter und – Sprachgenie, das er war – Dolmetscher für Italienisch, das er zuvor auf der Grundlage seiner Latein- und Spanischkenntnisse in kürzester Zeit so weit erlernt hatte, dass er in den einfachen Angelegenheiten des Lageralltags übersetzen konnte.

Dennoch benötigte er weiteres Glück, um überleben zu können. In einem Brief an seinen Neffen David Zodikoff vom 12. September 1975 berichtete er folgende Begebenheit: Eines Tags verließ er seine Baracke, um seinen Schwager zu besuchen. Als er zurückkehrte, waren die Insassen seiner Baracke verlegt worden. Sein weniges Hab und Gut war nicht mehr auffindbar. Ein Kamerad erzählte ihm, er habe vergebens versucht, seinen Besitz zu verteidigen. Das einzige, was er habe retten können, sei diese Büchse mit dem Bild seiner Mutter. Im doppelten Boden der Büchse fand Alfred Meier die 200 Dollar seines Bruders Karl wieder, die ihn in den folgenden Monaten vor dem Verhungern retteten.

Im Verlauf des Jahres 1944 flogen mehrfach alliierte Bomber über die 5 qkm große Benzinfabrik und bedeckten sie mit Bombenteppichen, um die Produktionsstätte zu zerstören. Die da näher rückten, um die Häftlinge zu befreien, trafen nicht nur die Anlagen, sondern auch viele von denen, die sie befreien wollten.

Am jüdischen Versöhnungstag (Jom Kippur) 1944 hatte Alfred Meier ein Erlebnis, das ihn so sehr erschütterte, dass er darüber ein Gedicht („Jom Kippur 1944 im KZ“) verfasste. Darin beschrieb er, wie sie nach der Arbeit in Fünferreihen ins Lager einmarschierten und von den Aufsehern mit Kolbenstößen gezwungen wurden, sich vor einem dort aufgerichteten Galgen aufzustellen. Ein junger Mann wurde herangeschleppt, um gehenkt zu werden. Als der Henker ihn in die Tiefe stieß, riss das Seil. Einen Augenblick lang glaubte er sich gerettet. Hilflos mussten die Gefangenen zuschauen, wie ihr Kamerad erschlagen wurde.

Bereits im August 1944 hatte die SS-Lagerleitung mit der Auflösung der KZs in Auschwitz, der Liquidierung „nichtproduktiver Elemente“ und der Vernichtung von Beweisen für die Verbrechen begonnen. Bald wurden die ersten Arbeitsfähigen nach Buchenwald, Sachsenhausen und Flossenbürg verlegt. Im November ordnete Himmler die Zerstörung der Krematorien an. Am 17. Januar traten 1945 traten 67012 Häftlinge zum letzten Appell an. Für Alfred Meier begann nun ein Leidensweg, der nach seinen eigenen Worten „alles bisher Erlebte in den Schatten stellte“. Mitten im Winter begaben sich die noch Arbeitsfähigen mit dürftigem Schuhwerk und dünner Häftlingskleidung auf den langen, eisigen Marsch nach Buchenwald. Gemäß Himmlers Devise „Kein Häftling darf lebend in die Hände des Feindes fallen“ und mit den heranrückenden Russen im Nacken liquidierten die Aufseher jeden, der erschöpft niedersank. Alfred Meier rettete sich, weil er sein letztes Geld in Brot anlegen konnte, denn ansonsten gab es nur Körner, gefrorene Rüben und Schnee. In seinem Brief schrieb er: „Etwa 50% blieben auf der Strecke, bevor wir Buchenwald erreichten, dessen Tore uns wie die Tore des Paradieses (sic)erschienen.“

Den Fortgang der Ereignisse schilderte er folgendermaßen in seinem Brief: „Hatten wir gehofft, zu den wenigen Glücklichen zu gehören, denen die Befreiung in Buchenwald winken würde, so sollten wir uns grausam getäuscht sehen. Nach dem Massensterben in Buchenwald wurde der Rest erneut durch Fußmarsch mit Richtung Dachau in „Sicherheit“ gebracht. Roheste Behandlung, Begleitung und Bewachung durch sudetendeutsche und ukrainische SS, denen die berüchtigten Bluthunde von Buchenwald in ihrer traurigen Aufgabe halfen, sorgten dafür, dass durchschnittlich täglich 5% erschöpft zurückblieben und durch Genickschuß liquidiert wurden. Heute noch trage ich sichtbare Spuren von Hundebissen. 17 Tage dauerte dieser Marsch, nur drei Tage bekamen wir eine Scheibe Brot (200 gr.), die übrige Zeit bestand die Nahrung in vier bis sechs Kartoffeln, die häufig sogar roh gegessen werden mußten; nebenbei aßen wir die Blätter von Sauerampfer und Löwenzahn. Unmöglich wiederzugeben, welche Methoden diese Unmenschen anwandten, um dem mit dem Genickschuß beauftragten Kommando die nötige Arbeit zu geben … Am 23. April spürte ich, daß meine Kräfte mich zu verlassen drohten, denn außer den allgemeinen Beschwernissen litt ich noch pardessus le marché an mehreren ständig blutenden, handgroßen Phlegmonen. Um nicht dem Genickschuß zu verfallen, machte ich mit meinen letzten Kraftreserven einen Fluchtversuch. Ich reussierte und war gerettet. Zwei Stunden später wurde die Kolonne von amerikanischen Voraustruppen erreicht, aber noch in der allerletzten Minute richteten die Verbrecher ihre Maschinengewehre auf die spärlichen Reste einer vorher starken Kolonne.“

Alfred Meier wog noch 42 kg und verbrachte die nächsten vier Wochen in einem Krankenhaus, in dem er sich ein wenig erholte. Er fuhr nach Frankreich, wo seine Frau glücklich überlebt hatte. Sie bezogen eine Wohnung in Nizza, von wo aus er den mehrfach erwähnten und zitierten Brief an seinen Vetter Arnold in Manchester schrieb, in dem er ihn um warme Kleidung bat. Zwar habe ihm sein Bruder Karl schon ein Kleiderpaket geschickt, doch das sei auf dem Postweg, der damals vier Monate dauerte, verloren gegangen, wofür Alfred Meier de „durch die Not bedingten Tiefstand der Moral“ verantwortlich machte. In dieser Zeit trug er sich mit dem Gedanken, seinen Lebensunterhalt durch Artikel über seine „Gedanken zu dem Erlebten und den allgemeinen Ereignissen“ zu verdienen. Doch dann beschloss das Ehepaar Meier, in die USA zu ziehen, wo er in Cleveland, Ohio, als Lehrer an einer Berlitz-School arbeitete. Doch schon 1950 zog es ihn wieder zurück nach Deutschland. Wegen seiner brillanten Sprachkenntnisse bearbeitete er zunächst Wiedergutmachungsanträge. Am 17. Mai 1950 ließ er sich in Bonn-Poppelsdorf wieder als Anwalt nieder. Später schrieb mir sein Vetter Arnold: „Alfred war sehr verbittert. Von Auschwitz und Buchenwald kein Wort.“ Er erzählte also niemandem von seinen Erlebnissen, am wenigsten seinen Anwaltskollegen. Nur so kann man sich folgende makabere Begebenheit erklären: Die in Poppelsdorf lebenden Anwälte trafen sich regelmäßig zum Stammtisch. Aus einer Bierlaune heraus nannten sie sich „Ortsgruppe Poppelsdorf“, und als die Stimmung weiter anstieg, ernannten sie Alfred Meier zum „Ortsgruppenleiter“, weil er das in der Nazizeit ja nicht habe werden können. Es ist zu vermuten, dass kein noch so besoffener Anwalt sich einen derart makaberen Scherz erlaubt hätte, wenn ihm Alfred Meiers Leidensweg auch nur in Ansätzen bekannt gewesen wäre.

Wegen einer Krankheit seiner Frau zogen die Eheleute Meier 1970 nach Baden-Baden. Als die Gemeinde Niederkassel in den 70er Jahren das Schicksal der Mondorfer Synagogengemeinde zu erhellen versuchte, kam es am 22. Mai 1974 zu einem Gespräch zwischen Gemeindedirektor Arnold und Alfred Meier, der dabei mit keiner Silbe sein eigenes Schicksal erzählte. Er sagte lediglich, er sei in Frankreich auf dem Lande untergetaucht.

Das Sterbebuch des Standesamts Baden-Baden vermerkt unter dem 18. Februar 1980: „Der Rechtsanwalt Dr. jur. Alfred Meier, israelitisch, ist am 16. Februar 1980 um 22 Uhr 30 Minuten in Baden-Baden verstorben.“

Am 28. Februar 1996 beschloss der Hauptausschuss der Stadt Troisdorf, die neue Straße in Bergheim „Alfred-Meier-Straße“ zu nennen.